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Sanfte Kunst

... oder: Eignet sich Aikido zur Selbstverteidigung?

Ein langer Aufsatz über eine falsche Frage von Stefan Schröder

Aikido ist eine japanische Kampfkunst, entwickelt von im Wesentlichen einem Mann: Morihei Ueshiba, der von 1883 bis 1969 lebte. In der Gemeinschaft der Kampfkünste zählt sie tendenziell eher zu den "sanften Künsten", eine Wahrnehmung, die auf der Abwesenheit von Tritten und dem fast vollständigen Verzicht auf Stöße und Schläge gründet. Sanfte Kampfkünste haben haben nun in manchen Kreisen, insbesondere denen, die harte Stile üben, den Ruf, zur effektiven Selbstverteidigung unwirksam zu sein.

Die Frage, welche Kampfkunst die beste sei, kann offensichtlich nicht schlussendlich beantwortet werden. (Denn gäbe es eine, die in jeglicher Hinsicht besser ist als alle anderen, wären die anderen längst verdrängt.) Zu unterschiedlich sind die Motive, auf Grund derer Menschen nun gerade ihre Kunst üben. Die immer wiederkehrende Frage allerdings, ob man sich mit Aikido selbstverteidigen kann, läßt sich beantworten und darüber hinaus auch diejenige, warum dies eigentlich eine falsche Frage ist.

Dass Aikido tatsächlich zur Selbstverteidiung taugt, kann man nicht durch Wettbewerbe beweisen, denn eine reale SV-Situation kann nicht experimentell hergestellt werden. In diesem Text möchte ich hingegen belegen, dass Aikido zur Selbstverteidigung das Richtige ist und wann andere Kampfkünste dies nicht sind. Ich möchte zeigen, wie es zu irrigen Annahmen bezüglich Aikido und Selbstverteidigung kommt, den Begriff der Selbstverteidigung auf alltägliche Gewalt ausweiten, Fallbeispiele nennen und auch Menschen Angst vor den Kampfkünsten nehmen.

Die Frage, ob Aikido (oder auch jede andere beliebige Kampfkunst) sich zur Selbstverteidigung eignet wird oft diskutiert [1]. Beobachtet man diese Diskussion, so ergreifen die sich gegenüber stehenden Diskussionsgegner oft eine dieser drei Parteien:

  1. Aikido ist keine Selbstverteidigung (, aber X ist es).
  2. Ist doch egal.
  3. Aikido ist Selbstverteidigung.

Mischformen sind aufgrund der Einfachheit der Aussagen kaum möglich. Ebenso ist es kaum möglich keine Meinung zu dieser Thematik zu haben, sobald man sich auch nur etwas mit dem Aikido befasst hat.

Beleuchten wir einmal genauer die Argumente derer, die Punkt i) vertreten. Mitmenschen, die sich noch überhaupt nicht mit Budo befasst haben, erlauben sich in der Regel kein Urteil. Für sie sind alle -dos gleich. Meine Mutter erzählte früher gerne, dass ich Judo betreibe. Wer als Laie eine Aikido-Demonstration sieht, kann kaum die Effektivität einschätzen oder verschätzt sich. Zuschauer einer Aikido-Demonstration erwarten, wenn sie eine (wenn auch gestellte) Kampfsituation beobachten, das Aufeinanderprallen zweier Kräfte, ganz so wie bei zwei Hirschen, die mit ihren Geweihen auf einander los stürzen. Sie glauben zu wissen, wie ein Kampf ablaufen müsse: Zwei Kräfte streben einander entgegen und die schwächere unterliegt. Diese Art des Kampfes zeigt einige Symptome, die leicht zu identifizieren sind: Die Anstrengung ist Ringern in ihr Gesicht geschrieben; Boxer, die einen Faustschlag in den Magen bekommen, krümmen sich. Das alles sind die Dinge, die in dem Erfahrungshorizont des Betrachters liegen.

Aikido hingegen zeigt keines dieser äußeren Anzeichen, denn alles sieht leicht und spielerisch aus, folglich 'könne es nicht funktionieren'. Hier nun liegt der Trugschluss vor, der wiederum nur auf mangelnder Erfahrung beruht. [2]

Betrachten wir also Menschen, die schon einen Einblick in die Budo-Landschaft gewonnen haben und Wissen über Kampfkunst nicht nur aus dem Fernseher beziehen (Kampfkunst und TV ist ein weites Feld, das ich vielleicht in einem anderen Aufsatz behandle). Diese Personen sind meist männlich, betreiben eine 'harte Kampfkunst' oder sogar Kampfsport. (Die ursprünglichen Kampfkünste hatten mit dem was wir heute als Sport bezeichnen nur den Aspekt der körperlichen Betätigung gemeinsam. Im Sport steht der Leistungsgedanke im Vordergrund, Siegen oder besiegt werden. Die geistigen Aspekte des Weges (Do = der Weg) gehen dabei verloren. Eine Qualität, die im Budo ursprünglich das Ziel war, wird einer Quantität geopfert (dem Sieg) [3].

Fragt man diese Männer, warum sie ihren Kampfsport betreiben, so erhält man gerade von Anfängern oft die Antwort, dass Sie lernen wollen sich zu verteidigen. Dabei trainieren sie sich so weit, dass sie nicht merken, dass sie diejenigen geworden sind, vor denen man Angst haben muss. Mit dem Gewinn von Kraft geht ein Gefühl von Macht einher. 'Mir kann keiner', so die Grundstimmung. Erst recht kann keiner kommen und ihnen erzählen, dass es zur Abwehr eines Angriffes überhaupt nicht nötig ist, den Angreifer schwer zu verletzen. Ein Weltbild gerät ins Wanken und muss wieder gerade gerückt werden. Selbstgefälligkeit ist ein gefährlicher Zug, denn er bewirkt ein Nachlassen von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in einer kritischen Situation. Im schlimmsten Fall führt er sogar dazu, dass die selbsternannten Kämpfer glauben sich beweisen zu müssen. Ein klarer Schritt in Richtung der Dunklen Seite.

Ist nun der erste Schock überwunden, erwägt unser Kämpfer, sich 'dieses Aikido' doch einmal näher anzusehen. Dies kostet schon Überwindung, denn wenn man schon einen höheren Gurt einer Stilrichtung besitzt, ist es schon ein irgendwie herabsetzendes Gefühl wieder den weißen Gürtel umzubinden. Wer dies schafft, hat den ersten Schritt in eine größere Welt getan.

Kennt man schon die Vorgehensweisen in einem Dojo, so wird man sich auch in einem anderen schnell zurechtfinden. So erwartet der Karateka (Ich möchte gerne als Beispiel einen Karateka wählen, da ich mich damit etwas auskenne. Jeder Übende mag seine Lieblingskampfkunst einsetzen.) zügiges Vorankommen und schnellen Lernfortschritt. Die Bewegungsmuster des Aikido unterscheiden sich aber nun sehr von denen des Karate, so wie sich ein Kreis und ein Quadrat unterscheiden. Ein Kreis ist nicht besser als ein Quadrat, möchte ich an dieser Stelle betonen. Sich von bekannten Koordinationsmuster zu lösen ist noch schwieriger, als wie ein völlig unbeleckter Anfänger eine Bewegung neu zu lernen. Einen guten Tsuki abzuliefern dauert Jahre; einen guten Tai-Sabaki auch. Aber hier fehlt oft die Geduld, sich einfach auf das einzulassen, was der Lehrer vorgibt, ohne das einfließen zu lassen, was man schon kennt. [4]

Nun kommt das hinzu, was man im Aikido 'kooperatives Lernen' nennt. Während der ersten Monate oder auch Jahre kommt es nicht darauf an, einen Angreifer mit aller Macht abzuwehren, stattdessen soll das Bewegungsmuster einstudiert werden, das zu einer Technik gehört. Für dieses Lernen ist ein absichtlicher Widerstand des Partners hinderlich und so wird also der Partner vorerst nachgeben, um ein Studium der Form zu erlauben. Auch dies ist ein Aspekt des Aikido als Kunst. Während in den westlichen Künsten ständig versucht wird etwas Neues zu schaffen, ist der japanische Künstler auf der Suche nach der einen, der perfekten Form. Da wird jahrelang immer der gleiche Bambus fotografiert, immer die gleiche Tasse getöpfert, immer der gleiche Fuji gemalt, immer auf der Suche nach der wahren Form. Im Aikido ist das Ziel die wahre Technik. Solange man nicht einmal die Grundform einer Technik beherrscht, ist ein heftiger Widerstand des Partner verfehlt. Unseren kritischen Karateka läßt dies aber denken: 'Wenn man sich nicht als Angreifer wehren darf, dann taugt das nichts.' Wagt man aber die Suche nach der einen Form, so wird man bei gewissenhaftem Training irgendwann das Stadium erreichen, dass es tatsächlich keine Rolle mehr spielt, ob der Angreifer mitmacht oder nicht. Die perfekte Form ist zwingend.

Doch ja, tatsächlich: Gerade bei Demonstrationen rollt der Geworfene eher los oder springt ab, ehe der Hebel sich voll entfaltet hat. Der Grund hierfür ist das Wissen des Aikidoka, dass es weniger schmerzhaft ist, dem Hebel oder Wurf vorzeitig zu entkommen. Ich springe vorwegnehmend, um dem Schmerz zuvor zu kommen und ein gutes Abrollen einleiten zu können. Das ändert nichts an der Wirksamkeit der Techniken!

Es gibt einen weiteren, etwas weniger rühmlichen Grund für die vermeintliche Unwirksamkeit des Aikido. Anfänger im Aikido (na ja, so die ersten zwei Jahre lang) sind oft so begeistert von ihrer Kunst, dass sie das Bedürfnis haben, ihre ersten Gehversuche an Bekannten auszuprobieren. Diese haben, wenn sie sich wehren oft wenig Mühe, einem Hebel zu entkommen, so dass bei beiden, Aikidoka und Versuchsobjekt, der Eindruck entsteht, dass Aikido 'irgendwie nur funktioniere, wenn der Angegriffene mitspielt'. Als Heilung empfehle ich Aikidokas sich an ihren Meister zu wenden und sie oder ihn zu bitten, das nächste Mal bei der betroffenen Übung als Uke fungieren zu dürfen.

«Aikido funktioniert. Dein Aikido funktioniert nicht. Verwechsele dies nicht.»
(H. Ikeda)

Manche Kritik am Aikido setzt daran an, dass in den Übungen immer aus der Distanz angegriffen wird. Dies ermöglicht dem Aikidoka die Bewegungsenergie des Angreifers leichter aufzunehmen und umzulenken. Bei einem Angriff aus der Nähe (Nahkampf), so die Argumentation, wäre Aikido zwecklos. Ist ein Angreifer schon näher als die sogenannte harmonische Distanz (Maai) an einen Aikidoka herangekommen, so ist eine Abwehr schwieriger. Dies ist allerdings kein spezifisches Aikidoproblem. Die menschliche Reaktionszeit lässt sich nicht beliebig verkürzen. Eine überraschend hinterrücks auf den Kopf geschlagene Flasche kann niemand (!) abwehren. Hier gilt es, die Ratschläge bezüglich Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu pflegen, niemandem überhaupt erst einen Grund dafür zu geben, einem eine Flasche überziehen zu wollen. Dass im Aikido aus der Distanz angegriffen wird ist ein pädagogischer Kunstgriff, genau wie die Tatsache, dass die Angreifer am Anfang betont langsam angreifen. Hat man Meisterschaft erlangt, so spielt es keine Rolle mehr, aus welcher Distanz oder sogar mit welcher Waffe angegriffen wird.

Eine häufige Frage in Anfängerkursen ist: "Was tue ich, wenn X?" Dabei ist 'X' entweder 'der Angreifer ein Messer hat' oder 'der Angreifer diesen statt jenen Angriff wählt.' Das ist aber noch kein Zweifel am Aikido, sondern ganz gewöhnliche Ungeduld. An dieser Stelle reicht dann meist der Hinweis, dass man im Aikido, so wie überall und immer, erst mit den einfachen Dingen beginnen muss (also zum Beispiel der Bewegungslehre, man beginnt beim Hausbau nicht mit dem Dach...)

Beispiele

Aikido ist eine wenig verbreitete Kampfkunst [5]. So ist es kein Wunder, wenn man nichts davon hört, dass Aikidoka ihre Fähigkeiten in der Praxis ausüben mussten. Aber von einigen Beispielen wird doch berichtet.

Die Zeitung 'Santa Cruz Sentinel' berichtet von einem Aikido-Meister, der zufällig Zeuge wird, wie ein Häftling in einem Gerichtsgebäude fliehen will. Als es zur Konfrontation kommt, wirft er ihn mit Tenchi-Nage. [6]

Roy Suenaka berichtet in seiner Autobiographie, von einer Schlägerei mit 50 Personen, in der er am Ende weitgehend unversehrt blieb. [7]

Carlo Fargnoli berichtet von mehreren Zwischenfällen, in denen Aikido ihn bei seiner schwierigen und gefährlichen Arbeit als New York-Police Officer in (lebens-) bedrohlichen Situationen rettete. [8]

Auf AikidoFAQ sind weitere Aikido-Stories gesammelt. [9]

C. Shifflet, Aikido-Meisterin aus Virginia, berichtet, eines Tages sei ein Taekwondo-Meister zu ihr gekommen, um Aikido zu lernen. Der Grund waren seine Brüder. Sie schubsten ihn herum, ohne dass er sich wehren konnte, denn mit seinen Taekwondo-Techniken hätte er sie unter Umständen verletzt, was er auf keinen Fall wollte. [10]

Eine persönliche Erfahrung hat C. Shifflet mit ihrem Stiefsohn gemacht. Er reagierte häufig aggressiv auf seine 'neue Mutter' (Er war größer und schwerer als sie.) Doch Gewaltanwendung a la Abwehr-Gegenangriff wäre im Sinne einer Familienpolitik, die den Namen verdient, sicherlich verfehlt. So hat sie sich damit begnügt, ihn mit einem Bodenhebel zur Vernunft zu bringen. [11]

Die bewegendste Geschichte stammt von Terry Dobson. Er war der erste nicht-japanische Uchi-Deshi (d.h. ein Schüler, der beim Meister lebt) von O-Sensei Ueshiba. Er berichtet von einem betrunkenen Japaner, der in der U-Bahn Leute anpöbelte. Kurz bevor er sich entschloss ihn nieder zu werfen greift ein alter Japaner ein und schimpft derart mit ihm, dass der Randalierer klein bei gibt.[12]

In Niedersachsen hat der Landesverband einmal einen Anwalt einschalten müssen, nachdem eine Aikido-Meisterin, die von einem Mann bedroht und verfolgt wurde, diesen so heftig geworfen hat, dass er sie wegen Körperverletzung anklagen konnte.[13]

Eine weitere Geschichte von Penny Bernath bei Aikido Online. [14]

Aikido und auch andere Kampfkünste erscheinen selten in den Alltagsmedien. Dies liegt natürlich zum einen daran, dass ein vergleichsweise kleiner Teil von Menschen Budo betreibt, zum anderen liegt es aber auch im Wesen der Kampfkünste selbst. Budo bedeutet 'den Kampf beenden'.

Aggression und körperliche Gewalt gehen paradoxerweise oft von Menschen aus, die schwach sind, sich benachteiligt fühlen oder ungerecht behandelt. Schwäche ist nun aber nicht primär eine Körpereigenschaft, sondern vielmehr eine Charaktereigenschaft. Budo zielt genau auf diese Stärkung des Charakters.[15]

Habe ich mich durch Training selbst gestärkt, kann ich fröhlich auf Gewaltanwendung meinerseits verzichten.

Kommt es zu einem Ausbruch von Gewalt, so hat der Budoka eigentlich schon versagt. Zu einem Zusammenprall kommt es seltenst urplötzlich. Zu einem Kampf gehören immer zwei. Bietet man einem Aggressor keinen Widerstand, so verpufft seine Gewalt wirkungslos. Ruhe ich in mir in heiterer Gelassenheit, muss ich auf keine Provokation eingehen. Verfügt man über Selbstsicherheit und Übersicht, wird man stark genug sein, den Angreifer so zu führen (geistig), dass er seine Unvernunft einsieht (=De-Eskalation). (Das ist für die Medien natürlich ein ausgesprochen unattraktives Szenario, da der schwache Mensch nach Sensationen giert.) Dies funktionert nur, wenn der Geist klar ist; die Einnahme von Substanzen, die den Geist trüben, wird unser ganzes Training zunichte machen, da wir unsere Souveränität abgegeben haben.

Besonders bedauernswert sind nun Menschen, die sehenden Auges die Kontrolle über ihr Tun aus den Händen geben. Gewalt in Familien, auf Festen oder in Diskotheken ist oft mit der Einnahme von oben genannten Substanzen verbunden. Hinterher tut es dann allen Beteiligten Leid, aber niemand will etwas dafür können. Ist das Kind nun in den Brunnen gefallen, der Schläger nicht durch Vernunft zur Einsicht zu bringen, so hat die Stunde der Technik geschlagen. Jetzt heißt es, so hart wie nötig, so sanft wie möglich: Ein betrunkener Mann ist morgen (oder spätestens übermorgen) wieder nüchtern, eine wütende Frau ist morgen wieder ruhig, aber ein gebrochener Arm ist morgen nicht geheilt. Aikido läßt einem immer die Wahl, gütig zu sein. Zu werfen und die Kontrolle zu übernehmen, die Harmonie wieder herzustellen, ohne Wut, aber auch nicht mit kalter Berechnung, sondern mit der Wärme des Herzens. Das ist in meinen Augen das Allerschwierigste: Den Angreifer nicht zu verletzen, obwohl man könnte.

Wen kümmert's?

Fragt man eher spirituell eingestellte Aikido nach der Anwendbarkeit des Aikido in einer SV-Situation, so kann es sein, dass die Antwort 'wen kümmert's?' lautet. Dies ist nicht auf eine allgemeine Interessenlosigkeit oder eine stoische Mir-ist-alles-egal-Haltung zurückzuführen. Vielmehr haben diese Menschen schon erkannt, dass Aikido über mehr Facetten verfügt, als die der angewandten Selbstverteidigung.

Schon Anfänger berichten hin und wieder von einer wertvollen Erfahrung, die man bei der Ausführung einer Technik machen kann. Ein Gefühl von perfekter Koordination, als würde die Technik sich selbst ausführen. Dieser Zustand geht oft einher mit einer Lockerheit und Unverkrampfheit, die man von da an immer einzunehmen wünscht. Das Problem ist nur: Je stärker man sich bemüht locker zu sein, desto schwieriger ist es. Bevor also die Freiheit erreicht wird, sich spontan und ungezwungen zu bewegen und Aikido aus jeder Lebenslage heraus kreativ wieder neu zu erfinden, strebt man an, das Ziel wieder loszulassen, absichslos zu werden. Diese Absichtslosigkeit nennen wir Mushin. Erreicht man Mushin, so führt dies zu Zanshin, einem die Sinne schärfenden, wachen, aufmerksamen Geist, der alles aufnimmt, ohne an einem Gedanken zu haften.

Diese Einsichten vorausgesetzt, endet die Aikido-Übung plötzlich nicht mehr an der Tür zur Halle des Dojo. Sie kann im Alltag fortgesetzt werden. Seine Schuhe zusammen zu stellen, Blumen zu gießen, Auto zu fahren, all das kann eine Übung in Achtsamkeit sein. [16] Dies darf selbstverständlich nicht zur fixen Idee werden. 'Budo ist dafür da, das Leben zu verbessern, nicht dazu, es zu ersetzen.' [17]

Ergründet man diese Aspekte des Aikido so wird verständlicher, warum für manche Menschen die Frage nach Aikido und Selbstverteidigung zweitrangig wird. Oder sogar völlig verdrängt. Damit allerdings wird dem Aikido seine Basis entzogen. Aikido bleibt eine Kampfkunst, eine Betätigung, bei der man übt einen Angreifer abzuwehren. Gelingt dies nicht, so übt man kein Aikido.

Als der Gründer des Aikido noch lebte, hätte niemand es gewagt zu behaupten, Aikido sei unwirksam. Wer dies doch tat wurde schnell eines besseren belehrt. Aikido wurde als Kampfkunst entwickelt und wird heute noch als solche gelehrt. Wer ihr den kämpferischen Aspekt nimmt, hinterlässt nichts als eine Art tänzerische Partnergymnastik.

Wenn es nicht wirksam ist, ist es kein Aikido.

Aikido ist Selbstverteidigung

Aikido dient hervorragend zur Selbstverteidigung. Ich habe die Definition von Selbstverteidigung allerdings erweitert. Nicht nur sich vor einem körperlichen Angriff zu schützen, auch seine eigene Aggression zu beherrschen, verbale Gewalt zu mindern, Unfällen durch erhöhte Achtsamkeit vorzubeugen, dies alles gehört dazu. (Wayne Muromoto bespricht in seinem Artikel 'What is the best Martial Art for Self-Defense' [18] sehr ausführlich den Achtsamkeitsgedanken und auch die Notwendigkeit jahrelangen Trainings ohne eine besondere Kampfkunst zu besprechen.)

Von zehn Schülern wird vielleicht einer einmal überfallen. Vielleicht sogar mit einer Schusswaffe. Jede Art von waffenloser Selbstverteidigung anzuwenden wäre in so einem Fall töricht. Sein Leben zu riskieren, um eine paar Euro zu retten wird kein kluger Budoka versuchen. 'Aber jeder dieser Schüler wird in seinem Leben noch mehrmals stürzen. Konzentriert euch auf die Fallschule. Sie wird euch eher das Leben retten, als eine Technik.' [19]

Das bedeutet nicht, dass die Techniken nun wertlos geworden sind. Kommt man tatsächlich in die Situation, Aikido anzuwenden, so bedarf es für das lange Training keiner Rechtfertigung mehr. Gerade dann nicht, wenn es mit Freude und Einsatz betrieben wird.

Nachsatz: Ich hoffe klar gemacht zu haben, dass Aikido mehr ist als Selbstverteidigung. Aikido wird in verschiedenen Exekutiven (Polizei, Armeen) als Selbstverteidigungssystem gelehrt. Die eher sportlich orientierten Jiu-Jitsu-Varianten enthalten allesamt Techniken, die im Aikido kultiviert werden. Ob Du Dich mit Aikido oder irgendeiner anderen Kampfkunst verteidigen kannst, hängt weniger von der Technik ab, als von Deiner Persönlichkeit. Aikido lehrt eine starkes Mitte zu bewahren. Wenn das Zentrum stark ist, wird die Technik stark sein. Aikido verzichtet auf Brutalität. Im Aikido steht der Mensch im Mittelpunkt.

Stefan Schröder


Fussnoten:

  1. Siehe dazu auch AikidoFAQ.
  2. Kisshomaru Ueshiba, The Spirit of Aikido, Kodansha, 1995 und Andre Protin, Aikido.
  3. Auch in den anderen Budo-Kampfkünsten herrschte früher eine strikte Ablehnung der Logik des Sports. "Wer Karate nur als körperliche Übung betreibt gleicht einem Menschen, der nur mit den Blättern eines Baumes spielt, ohne den Baum selbst zu sehen. (Gichin Funakoshi, Karate-Pionier, brachte Karate von Okinawa nach Japan"
  4. Siehe auch den Artikel von Jörg Bernsdorf.
  5. Der Deutsche Aikido Bund e.V. ist vermutlich der größte Aikidoverband in Deutschland. Andere Verbände sind weniger auskunftsfreudig. Hinzu kommen die üblichen Probleme statistischer Erhebungen.
  6. Der Artikel wurde leider aus dem Archiv gelöscht.
  7. Er stand dabei nicht allein gegen die fünfzig. Sondern mit zwei Freunden. Überschreitet die Zahl der Angreifer vier, so stehen sie sich eh nur im Weg und fragen sich nach dem zehnten geworfenen Angreifer: "Hey, hier sind vier Dutzend Männer, warum soll gerade ich angreifen und mir eine blutige Nase holen? " Roy Suenaka, Complete Aikido, Tuttle Publishing 1998.
  8. Die Seite www.aikidoonline.com hat leider ihren Betrieb eingestellt, so dass der Artikel leider nicht mehr zur Verfügung steht.
  9. Aikido FAQ-Reallife.
  10. C. Shifflet, Aikido Exercises for Teaching and Training, North Atlantic Books, 1999.
  11. C. Shifflet, Aikido Exercises, siehe oben.
  12. Diese Geschichte ist auch in der Sammlung 'Aikido und der neue Krieger' von Richard Heckler erschienen.
  13. K.H. Pentke, persönliche Mitteilungen.
  14. Die Seite www.aikidoonline.com hat leider ihren Betrieb eingestellt, so dass der Artikel leider nicht mehr zur Verfügung steht.
  15. "Aikido dient nicht dazu dich stärker oder härter zu machen als andere, es soll aus dir einen Kämpfer für den Frieden machen." (O-Sensei Ueshiba).
    "Das ultimative Ziel des Karate liegt nicht in Sieg oder Niederlage, sondern in der Suche nach Vollkommenheit des Charakters seiner Übenden." Zitiert nach: Shotokan-Masters.
  16. Für weiteres dazu lese 'Zen oder die Kunst den Mond abzustauben' von Gary Thorpe, Herder 2001.
  17. Zitat nach F.J. Lovret.
  18. Ein Artikel, der die Notwendigkeit von Mushin erklärt ist Kokoro: The Heart Of A Warrior von William Durbin.
  19. C. Shifflet, Aikido Exercises.

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