Fast alle Techniken in unserem Curriculum können auf zwei verschiedene Weisen durchgeführt werden, die wir Irimi und Tenkan nennen. Andernorts werden für die gleichen Fälle die Begriff Omote und Ura benutzt. Was hat es damit auf sich?

Auch wenn diese Begriffspaare im Trainingsalltag synonym verwendet werden, bezeichnen sie unterschiedliche Sachverhalte und sind daher eigentlich nicht austauschbar! Es ist allerdings auch kein Zufall, dass sie so verwendet werden. Betrachten wir zunächst die Definitionen – und schon wird der Unterschied klar.

„Irimi“ und „Tenkan“ sind Prinzipien der Bewegung, wohingegen „Omote“ und „Ura“ Ortsbezeichnungen sind.

↳ Irimi (入り身) bedeutet „eintreten“. Es bezeichnet das Bewegungsprinzip des „Eintretens“ in den Körperkreis des Angreifers. Es wird auch als positives Prinzip bezeichnet, denn der Werfer gibt seine Energie. (Diese Wortwahl empfinde ich als unglücklich, weil das Wort „positiv“ scheinbar eine Wertung beinhaltet, die „Irimi“ nicht enthält.)

↳ Tenkan (転換) bedeutet „umwandeln, ablenken“. Es bezeichnet das Bewegungsprinzip des „Eindrehens“ an die Seite oder Rückseite des Angreifers. Es wird als das negative Prinzip betrachtet, denn der Werfer nimmt die Energie des Angreifers auf.

↳ Omote (表) bedeutet „Vorderseite, Oberfläche“, aber auch das „Offenbare, Sichtbare“.

Der Gegensatz Ura (裏) bedeutet dann „Rückseite, Gegenseite, Unterseite“, aber auch das „Verborgene“.

Während Omote/Ura alltägliche Begriffe sein können, die schlicht eine körperliche Ausrichtung bezeichnen, werden sie auch in einem sozial-kulturellen Kontext benutzt. Hier ist Omote das höfliche Verhalten, die öffentlich geäußerte Meinung, wie man sich in der Öffentlichkeit beträgt; Ura bezeichnet dann das persönliche Befinden, die (unausgesprochenen) Frustrationen, die „ehrliche“ Meinung. In der Architektur bezeichnet Omote den öffentlichen Bereich, den Gäste zu sehen bekommen, während Ura den geheimen Bereich meint, der für die Familie reserviert ist.

Wer sagte wann was?

Wir untersuchen den unterschiedlichen Gebrauch von Irimi/Tenkan vs. Omote/Ura anhand von verschiedenen Quellen.

➳ Quelle 1: Aikido von Kisshomaru Ueshiba, 1963.

Im Kapitel der Grundlagen wird Irimi als Prinzip eingeführt, Tenkan jedoch nicht. Direkt auf Irimi folgt in der Liste Sabaki, dessen unmittelbare Verwandschaft mit Tenkan nicht bestritten werden kann.

Im Technikteil werden Irimi und Omote immer zusammen genannt, in dieser Form: „OMOTE (oder irimi) (Eintreten)“. Gleiches sehen wir bei „URA (oder tenkan) (Drehen)“.

Es gibt keine Erläuterung eines Unterschiedes – eine Mischform „Omote + Tenkan“ oder „Ura + Irimi“ kommt nicht vor. Das Wort „oder“ scheint nahezulegen, dass die Begriffe synonym verwendet werden können.

Fazit aus Quelle 1: Irimi und Omote bedeuten das Gleiche.

➳ Quelle 2: Aikido von Koichi Tohei, 1961.

Im Kapitel der Grundlagen werden Irimi und Tenkan als Bewegungsprinzipien eingeführt, in der bei uns bekannten Weise. Omote und Ura kommen im Technikteil nicht vor. Es werden 50 Techniken demonstriert, in den meisten Fällen in einer Irimi- und einer Tenkan-Variante

Fazit aus Quelle 2: Omote und Ura kommen nicht vor.

➳ Quelle 3: Aikido von Gerd Wischnewski, 1968.

Meister Wischnewski bespricht die beiden Bewegungsprinzipien Irimi und Tenkan in der bekannten Weise. Omote und Ura kommen ein einziges Mal bei der Begriffsbestimmung von Irimi und Tenkan vor und sind so erwähnt, dass man annehmen muss, dass es sich um Synonyme handelt:

Irimi (Omote) = direkter Eingang (positiv)

Tenkan (Ura) = Ausweichen, Drehen, Kreisen (negativ)

Fazit aus Quelle 3: Omote und Ura werden einmal erwähnt, die Gleichsetzung unterschlägt die Unterscheidung.

➳ Quelle 4: Aikido von Rolf Brand, 1980.

Meister Brand referiert über drei Buchseiten über die Prinzipien Irimi und Tenkan. Auch er setzt die Begriffe gleich: „Im Zusammenhang mit diesem Prinzip [Irimi] wird daher auch der bildhafte Begriff Omote verwendet.“, „Deshalb wird für das Prinzip Tenkan auch der bildhafte Begriff Ura benutzt.“

Diese beiden Sätze sind die einzigen, in denen auf die Begriffe Omote und Ura Bezug genommen wird.

Fazit aus Quelle 4: Siehe Quelle 3.

➳ Weitere Quellen 5+6: Traditional Aikido 1, Morihiro Saito, 1973 und Takemusu Aikido, Vol.1, Morihiro Saito, 1994.

Meister Morihiro Saitos Bücher sind im Wesentlichen Aufzeichnung von Techniken. Dort werden die Variationen ausschließlich durch Omote und Ura unterschieden. Irimi erscheint nur einmal als Erläuterung des esoterischen Konzepts des Eintretens.

➳ Weitere Quelle 7: Total Aikido, Gozo Shioda, 1996.

Im Grundlagen-Teil des Buches werden die beiden Bewegungsprinzipien als Irimi und Kaiten eingeführt. Im Technik-Teil werden die beiden Ausführungen des direkten Eingangs und des Ausweichens nicht mit einem japanischen Ausdruck
markiert, sondern einfach nummeriert. Der direkte Eingang ist I, der indirekte Eingang ist II.

Interpretation

Zu ordnen, zu strukturieren und zu benennen ist eine offensichtlich nützliche Methode zur Darstellung der Welt. Jedoch kann die Welt in ihrer irritierenden Unentschlossenheit manchmal auch zu vielfältig sein, um mit einfachen Etiketten
erklärbar zu sein. (Die Fähigkeit, dies zu ertragen, nennt die Wissenschaft Ambiguitätstoleranz. Diese ist gerade bei Menschen wenig ausgeprägt, für die alles in einfache schwarz-weiß-Kategorien pressbar sein muss.)

Zu Lehrzwecken ist es aber geradezu unabdingbar, die Aikido-Techniken zu kategorisieren und zu benennen. O-Sensei Morihei Ueshiba hat sich nicht durch eine eindeutige Systematik seines Aikido-Universums einengen lassen. Für ihn war jede Technik einzigartig – die Frage, wie sie denn zu nennen sei und welchem Prinzip sie denn nun gerade gehorche, wäre ihm lächerlich erschienen. Seine Schüler, denen die Aufgabe zufiel das Aikido zu unterrichten, konnten sich diesen Luxus nicht leisten und mussten nun also Wörter erfinden.

Während Shioda die Nomenklatur-Problematik durch Zahlen löst, stehen sich im Aikikai die beiden Begriffspaare Irimi/Tenkan und Omote/Ura gegenüber.

Bei K. Ueshiba stehen die Begriffe ursprünglich synonym, aber bei Tohei wird kein Bezug mehr auf Omote/Ura genommen. Nun muss man wissen, dass Brand ein Schüler von Wischnewski war und Wischnewski in den 1960er Jahren am Honbu-Dojo unterrichtet wurde, einer Periode also, als Koichi Tohei der wichtigste Lehrer (Chief Instructor) des Aikikai-Honbu war. Es ist also nachvollziehbar, dass die DAB-Linie von Toheis Begriffen geprägt ist.

Gleichzeitig stellen wir fest, dass alle bisher besprochenen Bücher Einführungsliteratur sind, also versuchen müssen, einfach und nachvollziehbar zu sein, manchmal vielleicht auch auf Kosten der Präzision. Auch im AVH unterrichten wir zum Beispiel in den Schülergraden das Prinzip Irimi-Eingang; Irimi-Ausgang, auch wenn es dafür keine technische Notwendigkeit gibt. Es ist ein pädagogisches Prinzip. Genauso ist der parallele Gebrauch von Irimi-Omote, bzw. Tenkan-Ura zu betrachten.

Und so wird in einem Buch für Fortgeschrittene die strenge Bindung aufgelöst:

➳ Quelle 8: The Aikido Master Course, Moriteru Ueshiba, 2001.

Dieser Band baut auf dem Band Best Aikido auf und enthält keinen allgemeinen Teil, sondern im Wesentlichen Technikbeschreibungen.

Die Technik Tekubi-Osae (Yonkyo) wird in diesem Buch gegen verschiedene Angriffe in vier Varianten dargestellt:

  1. Irimi-Omote
  2. Irimi-Ura
  3. Tenkan-Omote
  4. Tenkan-Ura

In allen Fällen ist zu erkennen, dass jeweils das Bewegungsprinzip (Irimi oder Tenkan) eingehalten wird und trotzdem zu der jeweiligen Seite (Omote oder Ura) getreten wird.

Wir stellen fest, dass die Ausführungen 1. und 4. dem entsprechen, was wir üblicherweise als Irimi, bzw. Tenkan-Form bezeichnen. Doch was geschieht in 2. und 3.? Diese Ausführungen sind das, was bei uns als Irimi-Eingang-Tenkan-Ausgang (2.), bzw. Tenkan-Eingang-Irimi-Ausgang (3.) bezeichnet werden würde.

Unterteilen wir die Technik in zwei Hälften: Aufnahme und Ausführung oder auch Eingang und Ausgang. In der Aufnahme wenden wir entweder das Bewegungsprinzip des Eintretens oder des Drehens an (Irimi oder Tenkan). Dann treten wir entweder auf die Vorderseite (Omote) oder die Rückseite (Ura).

Wenn also Ueshiba eine Form als Irimi / Omote bezeichnet, dann nicht, weil Irimi und Omote dasselbe sind, sondern weil
bei der bezeichneten Form erst mit Irimi eingetreten wurde und dann auf die Vorderseite getreten (Omote). Genauso hat Tohei recht, wenn er eine Technik als Tenkan bezeichnet, weil eine Technik mit dem Bewegungsprinzip Tenkan eingeleitet wurde und darauf ein Ura-Ausgang folgt.

Es ist auch kein Zufall, dass die Kombinationen 2. und 3. selten geübt werden, denn sie enthalten oft einen (unerwünschten) Drehrichtungswechsel oder einen Umkehrpunkt, in dem die gemeinsame Bewegung für einen kurzen Moment zum Stillstand kommt, wodurch das Prinzip des minimalen Aufwandes verletzt wird. Das kann man machen, wenn die Bewegung des Angreifers dies nahelegt. Wenn Nage zum Beispiel eine Tenkan-Ausweichbewegung
ausführt, zu Ude-osae ansetzt und dann keinerlei Widerstand spürt, dann ist die Omote-Form vorprogrammiert. Doch warum sollte ich zunächst den Tenkan-Eingang gewählt haben? Weil Uke entsprechend heftig angegriffen hat! Uke müsste also – damit die Szenarien 2. oder 3. angewendet werden können, inmitten der Technikausführung seine Angriffstaktik geändert haben.

Schlussfolgerung

Fazit 1: Irimi/Tenkan und Omote/Ura sind nicht dasselbe. Es gilt zu unterscheiden zwischen den Bewegungsprinzipien des Eintretens/Eindrehens und der Seite, auf die dann getreten wird.

Fazit 2: Aus didaktischen Gründen und aus Gründen der Bewegungsökonomie fallen diese jedoch in der Regel zusammen.

PS: Wenn in einem Dojo eine bestimmte Tradition zum Benennen der Techniken vorherrscht, gebietet die Höflichkeit, sich daran anzupassen.